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Die Elektro-Halbstarken kommen

Ein noch schlafendes Geschäftsfeld: Nutzfahrzeuge mit Elektroantrieb

Immer mehr Elektroautos nehmen am Straßenverkehr teil, vom Kleinwagen bis zum Linienbus wird gerade alles elektrifiziert. Eine Fahrzeugkategorie ist vom Trend hin zur Elektromobilität bisher jedoch weitestgehend verschont geblieben: leichte Nutzfahrzeuge (bis 3,5t). Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, kaum ein Modell mit Elektromotor sieht man auf den Straßen. Beim Blick auf das typische Einsatzprofil dieser Fahrzeugkategorie verwundert das, denn leichte Nutzfahrzeuge scheinen wie gemacht für den Elektroantrieb. Wir erklären, woran es bis jetzt gehakt hat und warum sich das bald ändern wird.

Nun auch Nutzfahrzeuge von den Verordnungen betroffen

Der Grund für den Dornröschenschlaf der Nutzfahrzeuge mit Elektroantrieb ist schnell gefunden: fehlende Anreize. Während die Grenzwerte für klassische PKWs beinahe schon im Monatsrhythmus immer weiter gesenkt und die Hersteller damit de facto zum Einschläfern ihrer lukrativen Verbrenner-Sparte gezwungen werden, herrschte bei den Nutzfahrzeugen bis vor kurzem regulatives Brachland.
Bis vor kurzem deshalb, weil mit dem nun von der EU verabschiedeten Programm „Fit for 55“ auch Nutzfahrzeuge ins Visier der CO2-Fahndung rücken. Und das völlig zurecht, schließlich machen sie mit mit über 83% den Löwenanteil des Nutzfahrzeugmarktes in Europa aus.

Der Markt ist gigantisch

Mit den nun von der EU festgelegten Grenzwerten ist aber auch in dieser Fahrzeugkategorie bald Schluss mit dem Verbrennungsantrieb. Die CO2-Emissionen dieser Fahrzeugklasse sollen bis 2025 um 21 Prozent, bis 2030 sogar um 35 Prozent gesenkt werden (Referenzjahr: 2019).

Die CO2-Emissionen sollen deutlich gesenkt werden

Die Hersteller scheinen mit den verschärften Vorgaben gerechnet zu haben und sind deshalb schon seit längerem dabei, ihr Portfolio umzustellen. Die Folge: Der Anteil an leichten Nutzfahrzeugen mit Elektroantrieb hat sich in den letzten eineinhalb Jahren bereits verdoppelt. Das Niveau ist aber nach wie vor sehr gering.

Der Gesetzeskorridor wird enger, die Hersteller reagieren – es ist also angerichtet, könnte man an dieser Stelle sagen, die Elektrifizierung der leichten Nutzfahrzeuge scheint lediglich noch eine Frage der Zeit. Zu dieser Schlussfolgerung kommt auch eine Studie des Chemnitz Automotive Institute CATI. Die Studie geht davon aus, dass ab dem Jahr 2030 mit jährlichen Wachstumsraten von 25 Prozent zu rechnen ist.

Sind Fliesenleger und Co. bald elektrisch unterwegs?

Damit diese Wachstumsraten nicht nur Wunschdenken bleiben, muss aber noch an der ein oder anderen Stellschraube gedreht werden, denn aktuell mangelt es bei vielen Nutzfahrzeugen mit Elektroantrieb noch an der Rentabilität, um sich in diesem hart umkämpften Segment durchzusetzen. In dieser Fahrzeugklasse ist das gute Gewissen kein Argument, hier ist ein Auto in erster Linie ein Werkzeug.

Es muss funktionieren, es muss praktisch sein und es muss sich lohnen. Aktuell hat der Elektroantrieb hier noch Schwierigkeiten, mit den günstigen Dieselaggregaten mitzuhalten. Dem will man nun verstärkt entgegenwirken, indem man neue Plattformen konstruiert. Zudem versucht man auch hier vermehrt die Modulbauweise anzuwenden, um Skaleneffekte nutzen zu können und widmet sich vermehrt dem Thema Leichtbau. Die Gesetze der Physik gelten schließlich auch für Elektroautos – und die besagen, dass mit weniger Masse auch weniger Energie benötigt wird, um sie in Bewegung zu versetzen.

Rico Chmelik, Geschäftsführer der Automotive Thüringen e.V., ist sich deshalb sicher: „Wir sehen gute Chancen für Lieferanten mit Leichtbau-, Interieur- und Elektronik-Kompetenz, sich neue Geschäftsfelder zu erschließen. Auch für die Aufbauhersteller, die in der Wertschöpfungskette für leichte Nutzfahrzeuge eine wichtige Rolle spielen, entstehen neue Anforderungen. Und auch neue Anbieter mit entsprechenden Leistungsprofilen haben gute Aussichten.“

Ausblick auf die Zukunft

Die technische Entwicklung macht auch vor Platzhirschen der Branche keinen Halt. Die PSA-Gruppe hat angekündigt, bis Ende des Jahres 2021 zu jedem ihrer leichten Nutzfahrzeuge auch eine elektrische Alternative anbieten zu können. Auch VW will sowohl vermehrt Nutzfahrzeuge mit Elektroantrieb auf Basis der MEB-Plattform, als auch in Kooperation mit Ford gemeinsam drei leichte Nutzfahrzeuge entwickeln.

Ferner hat sich auch Mercedes Benz in seiner e-Drive@Van genannten Strategie diesem Segment angenommen und plant, die Elektrifizierung ihrer leichten Nutzfahrzeug-Palette. Leichte Nutzfahrzeuge dürften sich in den kommenden Jahren und Monaten zu einem der spannendsten Felder der Elektromobilität entwickeln.

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